| „Kinder mit vier Jahren in die Schule“?! - Ein kritischer Kommentar - |
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| Montag, 27. Juli 2009 um 12:12 Uhr |
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Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU): „Kinder müssten «etwa im Alter von vier» mit dem Lernen beginnen und nicht erst mit sechs“. Und was bitteschön machen die Kinder in den Jahren davor? Herumsitzen und „nur“ spielen? Und die ganzen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Kenntnisse kommen einfach aus heiterem Himmel in ihre Köpfchen? Natürlich nicht – und wer sagt, Kinder müssen schon mit vier Jahren beginnen zu lernen und nicht erst mit sechs, der unterstellt allen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Studien entgegen die Selbstbildungsfähigkeiten der Kinder von Geburt an und glaubt ernsthaft, Kinder würden erst mit Eintritt in die Schule beginnen zu lernen. Dabei weiß man doch heute, dass alles, was sie tun mit Lernen verbunden ist. Frau Schavan begründet ihren Vorstoß damit, dass viele Kinder bereits am Ende der ersten Klasse gelangweilt seinen und keine Lust mehr hätten, weil sie unterfordert seien. Und das kann nicht etwas mit dem Schulsystem zu tun haben und der Art, wie Wissen vermittelt wird?! Sich darüber mehr Gedanken zu machen, zum Beispiel über eine bessere personelle Ausstattung in Kindertageseinrichtungen und Schulen, über geringere Gruppen- bzw. Klassenstärken oder über ein bisschen mehr „learning by doing“ wäre vielleicht sinnvoller, als die Kinder noch früher als bisher mit durchschnittlich 6,4 Jahren in ein starres Schulsystem eingliedern zu wollen. Frau Schavan plädiert dafür, dass es „keinen starren Stichtag für die Einschulung“ mehr geben dürfe. Zudem warb sie für eine „viel stärkere Verbindung von Kindergarten und Grundschule“ und führte als Beispiel Bildungshäuser an, wie es sie seit rund zwei Jahren als Modellversuch in Baden-Württemberg gibt. Dabei handelt es sich um gemeinsame Bildungseinrichtungen für Kindergarten- und Grundschulkinder, die darauf zielen, Kindern von drei bis zehn Jahren eine durchgängige Bildungseinrichtung zu bieten und ihnen eine bruchlose Bildungsbiographie zu ermöglichen. Als zentrales pädagogisches Strukturelement dienen einrichtungsübergreifende Lern- und Spielzeiten in jahrgangsgemischten Gruppen. Der Nutzen von früheren Einschulungen wird jedoch nicht nur von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bezweifelt. Auch der Deutsche Lehrerverband wies diesen Vorschlag als völlig realitätsfern und überflüssig zurück. Ulrich Thöne, Vorstitzender der GEW, hat den Vorstoß Schavans als „nicht sinnvoll“ bezeichnet. Er sagte: "Die Kinder haben ein Recht auf ihre Kindheit. In der Schule könnten sie sich nicht mehr so spielerisch bewegen wie in den Kindergärten“. Zudem wies Thöne darauf hin, dass Schulanfänger nicht nur physisch sondern auch emotional reif für die Schule sein müssten, um „auch mal mit einer Enttäuschung gut fertig zu werden“. Desweiteren wies Marianne Demmer, stellvertretende Vorsitzende der GEW, noch einmal auf den Bildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen in ganz Deutschland hin und erklärte: „Da wird natürlich gelernt“. Und auch einer britischen Studie zufolge, gibt es keine Hinweise dafür, dass Kinder, die früher eingeschult werden, bessere Ergebnisse erzielen. Die Studie der National Foundation for Educational Research kommt zu dem Ergebnis, „dass die in Großbritannien praktizierte Einschulung der Kinder diesen in der späteren Ausbildung nicht unbedingt einen Vorteil verschafft.“ Auch wenn es sich hier um britische Schüler im britischen Schulsystem handelt, könnten doch genau hier Vergleiche gezogen werden, wenn es der Studie zufolge heißt: „Die Schule ist stressig und nicht für kleine Kinder geeignet, die besser spielerisch lernen.“ Dass Deutschland eine Reform des Deutschen Schulsystems nötig hat, zweifelt wohl mittlerweile kaum einer mehr an und viele Projekte und Modellversuche zeigen bereits heute, wie es auch anders gehen kann, z.B. die Laborschule in Bielefeld. Doch ein wirkliches Umdenken im öffentlichen Schulsystem muss noch stattfinden – weg vom schulreifen Kind – hin zur kindreifen Schule. Presseartikel zu diesem Thema: MZ web (24.07.09): „Mit vier Jahren in die Schule“ http://www.mz-web.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1248412061272&openMenu=1013016724320&calledPageId=1013016724320&listid=1018881578370 Köllnische Rundschau (24.07.09): „Kinder mit vier Jahren einschulen“ http://www.rundschau-online.de/html/artikel/1246895310781.shtml Berliner Morgenpost (25.07.09): „Ministerin will Kinder schon mir vier Jahren einschulen“ http://www.morgenpost.de/printarchiv/titelseite/article1138383/Ministerin_will_Kinder_schon_mit_vier_Jahren_einschulen.html Rheinische Post online (25.07.09): „Schule mit vier ist der falsche Weg“ http://nachrichten.rp-online.de/article/leitartikel/Schule-mit-vier-ist-der-falsche-Weg/46479 Presseportal Rheinische Post (24.07.09): „GEW-Chef lehnt frühere Einschulung ab“ http://www.presseportal.de/pm/30621/1446079/rheinische_post heise online (08.02.2008): „Mit vier Jahren in die Schule“ http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27246/1.html Studie der National Foundation for Educational Research: http://www.primaryreview.org.uk/Downloads/Int_Reps/6.Curriculum-assessment/Primary_Review_RS_9-1_report_Primary_education_structure_080208.pdf Laborschule in Bielefeld: http://www.uni-bielefeld.de/LS/index1.htm mehr Infos zum „Bildungshaus 3 – 10“: http://www.km-bw.de/servlet/PB/-s/1u8sxbmebe44i6kb56ulxkpvp1af6vbb/menu/1213904/index.html?ROOT=1182956 |


